Das Buch

Prolog

Ein etwa fünf Zentimeter breiter Schlitz zieht sich senkrecht einen knappen Meter die Haustür entlang. Ein neumodisches Element, das dem Haus das gewisse Etwas verleihen soll. Für ihn ist es kein unnötiger Schnickschnack, für ihn ist es die Eintrittskarte in ein Freilichtmuseum. Er hockt neben einer kleinen Hecke, die sich am Fuße einer fünfstufigen Treppe befindet. Licht fällt durch die schmale Glasscheibe und vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit und Wärme. Warm ist es ohnehin. Es ist Sommer. In der Ferne hört er Musik, ein wenig gedämpft. Vielleicht ein Musikfest, vielleicht eine Grillparty. Denn der Duft von gebratenem Fleisch zieht ihm in die Nase. Gelächter. Ein Schatten lässt das Licht für einen kurzen Augenblick verschwinden. Die Frau, Nora K., ist offenbar die Treppe heruntergekommen. Er sieht ihre Silhouette und als sie unter dem Scheinwerfer im Flur hindurchgeht, erkennt er, dass sie nur einen Bademantel trägt. In der linken Hand hält sie ein großes Glas mit einer roten Flüssigkeit, das er als Rotwein ausmacht. In der rechten Hand hält sie ein viel zu großes Smartphone, das sie sich an das Ohr presst. Er sieht ihre nackten Beine und Füße, doch könnte nicht behaupten, dass ihn das in irgendeiner Form anmacht. Sie öffnet die Tür zum Wohnzimmer und ein Hund springt ihr fröhlich entgegen. Ein Jack Russel so viel er weiß. Doch so richtig hat er sich nie mit Haustieren auseinandergesetzt. Als er klein war, wollte er so gerne einen kleinen Hund haben. So einen wie Oma besessen hat. Einen Dackel mit großen schwarzen Augen. Doch als er danach fragte, setzte es nur eine Tracht Prügel. Wie so oft. Nora schiebt den kleinen Hund mit dem Knie zurück und schließt die Wohnzimmertür. Es wird dunkel. Zeit, einen anderen Platz zu suchen, denkt er sich und steht auf. Ein Auto fährt genau in diesem Moment vorüber. Er duckt sich, als die Scheinwerfer gegen die Hauswand leuchten, ist sich aber nicht sicher, ob er schnell genug reagiert hat. Das Auto bremst ab, beschleunigt dann aber wieder. Erleichtert atmet er aus. Er verlässt sein Versteck, geht an dem kleinen Blumenbeet entlang und klettert über einen in die Jahre gekommenen Jägerzaun. Dunkle, große Bäume schotten den Garten vor dem Licht der Straßenlaternen ab. Das hat er schon gestern herausgefunden, bei seinem ersten Besuch. Nun traut er sich sofort, den Weg zur Gartentür zurückzulegen. Er stockt für einen Moment, als der Bewegungsmelder einen Scheinwerfer zum Leuchten bringt. Durch das große Gartenfenster sieht er aber, dass Nora es sich bereits auf der Couch gemütlich gemacht hat. Das Telefon befindet sich nicht mehr am Ohr, das Glas aber noch immer in der Hand. Er schleicht gebückt weiter und hockt sich vor das Fenster. Sie blickt gebannt auf den Fernseher. Eine Sendung auf einem der Privatsender. Ein Haufen junger Weiber, die eine dünner als die andere. Es geht um Schönheit. Eine Schönheit, die er beim besten Willen nicht erkennen kann. Der Fernseher ist so unfassbar groß, verdeckt nahezu die gesamte Wand. Noch nie hat er ein so großes Fernsehgerät gesehen, geschweige denn besessen. Er spürt den Neid, der sich wie ein Geschwür in seinem Körper ausbreitet. Alles in diesem Haus macht ihn neidisch, rasend. Er setzt die Mechanismen in Gang, die ihn sonst vor dieser unbändigen Wut schützen. Er zählt bis Zehn, atmet durch, denkt an Marie, seine große Liebe. Dann atmet er erneut tief durch. Er nimmt sein Smartphone aus der Tasche, ein I-Phone, das er bei eBay ersteigert hat. Er schaltet es ein, vergewissert sich, dass der „lautlos“-Modus eingeschaltet ist. Dann öffnet er die App. „Ich könnte in fünf Minuten da sein“, schreibt er. Er lässt das Smartphone zurück in die Tasche gleiten und beobachtet die Frau, ihr Smartphone, das sich auf dem kleinen gläsernen Tisch vor der Couch befindet. Er sieht, dass das Display kurz aufleuchtet. Sie stellt das Glas auf den Tisch, nimmt das Smartphone in die Hand. Sie öffnet die Nachricht und tippt nun ihrerseits. Dann legt sie das Handy zurück auf den Tisch. Er spürt das Vibrieren in der Hand und gleichzeitig die Anspannung in seinem Körper. Sie hat ihm tatsächlich geantwortet. Er öffnet die Nachricht. „Es ist nach 22:00 Uhr. Normale Menschen schlafen schon. Ich war auch schon auf dem Weg ins Bett. Aber gut. Beeilung bitte.“ Er mag diesen Ton nicht, er mag nicht, dass sie ihn angelogen hat. Der Zorn ist mit einem Mal zurück. Er setzt sich auf den kalten Boden und wartet einige Minuten ab, beruhigt sich wieder. Dann steht er auf und blickt durch das Fenster. Nora sitzt nicht mehr auf der Couch, vermutlich zieht sie sich etwas über. Er schleicht zurück durch den Garten, über den Zaun. Dieses Mal geht er nicht gebückt an dem Blumenbeet entlang, sondern springt über eine kleine Mauer und kehrt direkt auf die Straße zurück. Er geht über den Bürgersteig und biegt in die Einfahrt ein. Durch den Spalt in der Haustür kann er nichts mehr sehen. Er atmet noch einmal tief durch, bevor er die Klingel betätigt. Der Hund beginnt wie ein Wahnsinniger zu kläffen. Es dauert einen Augenblick, bevor das Licht im Flur erleuchtet. Er hört die Schritte und blickt erneut durch den Spalt. Dann steht sie direkt vor ihm, wirkt überrascht, dass er sie so ansieht. Vielleicht gehört sich das nicht. Sie öffnet die Tür. Ihr Argwohn ist nicht zu übersehen.

„Thomas?“, fragt sie. Er nickt. „Es ist spät“, erklärt sie, als wäre er zu doof, die Uhr zu lesen.

„Ich weiß“, sagt er zornig. „Aber besser spät als nie.“ Mit einem Satz springt er auf sie. Sie versucht, zu schreien, doch er presst schon die Hand auf ihren Mund. Sie wehrt sich. Zumindest versucht sie es. Doch sie ist zu schwach, hat vermutlich noch nie gekämpft, traut sich nicht richtig, Gewalt anzuwenden. Das ist der Moment, den er genießt. Der Moment der völligen Auslieferung. Er liegt mit seinem Körpergewicht auf ihr. Er greift in die linke Jackentasche, spürt den kalten Griff des Messers. Er zieht es hervor und lässt die Klinge herausspringen. Dann sticht er zu. Einmal, zwei Mal, unzählige Male. Nein, 24 Mal. Genau 24 Mal. So lange, bis der Körper aufgibt und sich Nora K. nicht mehr wehrt.

 

1

Das Geschrei hinter der hohen, von der Sonne braun gefärbten Hecke ist schon aus weiter Ferne zu hören. Hysterisch, laut, aggressiv. Stimmen von Kindern, aber auch von Erwachsenen, die ihre Schützlinge unerbittlich anfeuern. Dominik Wagner sitzt in seinem neuen BMW X5, das Fenster ist heruntergelassen. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, nicht in dem Neuwagen zu rauchen. Eigentlich hatte er sich aber auch vorgenommen, mit dem Rauchen ganz aufzuhören – unzählige Male. Er wirft die Kippe aus dem Auto und erntet einen bösen Blick eines Rentners, der gerade seinen Hund ausführt. Wagner zuckt mit den Schultern. Über so etwas steht er mit einer geradezu provozierenden gleichgültigen Art. Es gibt andere Probleme auf diesem Planeten, denkt er sich, lässt die Scheibe seines Fahrzeugs hoch und steigt aus dem Auto. Er liebt die trockene Hitze des Sommers. Der Lärm nimmt zu, je näher er der Hecke und dem dahinter liegenden Fußballplatz kommt. Ein Pfad führt zu einem Metalltor. Erinnerungen werden wach. Wie nun Max hat auch er einen Teil seiner Kindheit auf diesem Sportplatz verbracht. In einer anderen Zeit, gefühlt in einem anderen Jahrhundert. Die Tür lässt sich nur unter Widerstand öffnen. Sowohl physisch, als auch akustisch. Das Quietschen fährt ihm ins Mark. Einige Eltern schauen in seine Richtung, die Kinder auf dem Platz, in den schwarzen Trikots und roten Hosen interessiert seine Anwesenheit wenig. Wagner blickt sich um, hält nach Sandra Ausschau. Doch seine Ex-Frau ist nicht zu sehen. Dann sieht er Max, wie er gekonnt einen Gegner in blauem Trikot aussteigen lässt, einen Schuss antäuscht, um dann das Gehäuse doch um einige Meter zu verfehlen. Sein Sohn schlägt die Hände theatralisch vors Gesicht, als würde die Welt untergehen. Wagner muss lächeln. Er verhält sich wie seine Vorbilder im Fernsehen. Ganz der Papa, denkt er. Wehmütig blickt er auf das Feld. Er sollte viel öfter hier herkommen, viel öfter für Max da sein, doch die Zeit lässt es nicht zu. Vielleicht ist die Arbeit aber auch nur eine Ausrede. Eine Ausrede für das schlechte Gewissen. Denn eigentlich verbringt er so wenig Zeit mit seinen Kindern, weil er Mist gebaut hat, richtig großen Mist. Wie selbstsüchtig, denkt er sich. In den vergangenen Jahren hat sich das Fußballfeld von einem Aschenplatz in Kunstrasen verwandelt. Die Schürfwunden, die am nächsten Morgen so wunderbar am Betttuch klebten, werden sich die Kinder hier nicht mehr zuziehen. Dafür im Winter aber auch keine umgeknickten Knöchel durch den gefrorenen Untergrund. Max bekommt wieder den Ball. Er setzt zu einem Solo an, wird aber von einem Gegner unsanft von den Beinen geholt. Wagner sieht, dass sein Sohn mit den Tränen kämpft. Doch so ist Max nicht. Max lässt sich keine Schwächen anmerken. Auch das hat er von seinem Vater. Er steht wütend auf, nimmt sich den Ball und führt den Freistoß selbst aus. Wieder verfehlt er das Tor. Dieses Mal nur um wenige Zentimeter. Wagner zieht sein Smartphone aus der Tasche und blickt auf die Uhr. Er muss gehen, ist ohnehin schon spät dran. Ein letzter Blick auf seinen Sohn, der ihn vermutlich noch nicht einmal registriert hat. Irgendein Elternteil wird Max vielleicht erzählen, dass sein Vater vor Ort war. Vielleicht aber auch nicht. Ohne sich ein weiteres Mal umzudrehen verlässt Wagner den Sportplatz, überquert die Straße und setzt sich zurück in seinen Dienstwagen. Er schaltet das Radio vor dem Motor ein. Ein seltsam unnützes Ritual, aber automatisiert. Zu den Klängen von Queen setzt er das Fahrzeug in Bewegung.

Die Fahrt zum Kommissariat in Bonn dauert über die Autobahn nur wenige Minuten. Doch Wagner fährt über die Landstraße. Er liebt den Sommer, den Fahrtwind. Menschen auf den Straßen, Kinder, die etwas unbeholfen auf ihren viel zu großen Fahrrädern oder neuen Inlinern hin und hereiern. Das Fußballspiel seines Sohnes hat ihn traurig gemacht, auf der anderen Seite ist er glücklich, wie gut sich Max entwickelt hat. Er rauscht an den Feldern vorbei, hört andere Autos neben sich wummern und nähert sich mit beginnendem Feierabend-Verkehr der Innenstadt. Im Radio läuft gerade ein Song von Niedecken. Wenige Minuten später biegt Wagner in die Tiefgerage des Kommissariats ein. Er parkt den BMW an seinem angestammten Platz und geht die Treppenstufen hinauf in den zweiten Stock, wo sich sein Büro befindet.

„Hallo Dominik“, sagt ein Kollege, den Wagner vom Sehen kennt, dessen Name ihm aber partout nicht einfallen will. Deswegen nickt der Beamte nur freundlich und schiebt sich weiter den Flur entlang. Linda Vollmer sitzt an ihrem Schreibtisch, als er das Büro betritt. Wie gewohnt aufrecht, der dunkelblaue Blazer sitzt perfekt über der weißen Bluse. Die junge Kollegin blickt kurz auf und dann auf ihre Armbanduhr. Wagner sieht, dass sie gewillt ist, ihn nach seiner Abwesenheit zu fragen und auf die Arbeitszeiten hinzuweisen. Doch den Zahn hat er ihr bereits gezogen. Vertrauensarbeitszeit, hat er ihr erklärt. Ein Mörder macht ja auch keinen Halt vor dem Feierabend der Beamten. Sie hat ihn verständnislos angeblickt. Die ersten Wochen mit der neuen Kollegin waren mehr ein Abschnuppern, als ein produktives gemeinsames Tun. Mittlerweile sind die Hörner aber ein wenig abgestumpft. Linda musste erkennen, dass ihr neuer Vorgesetzter eher ein gelassener Typ ist, der auch schon mal den ein oder anderen derben Spruch über die Lippen schickt. Dafür musste Wagner wiederum einsehen, dass es sich bei Linda Vollmer nicht um den Typ Kollegin handelt, mit dem er es gewohnt war, zu arbeiten. Linda Vollmer ist pedantisch in ihrer Arbeit, hat wenig Sinn für Wagners Humor, ist aber von ihrem Wissen überzeugt. Zu recht, wie Wagner bereits festgestellt hat. Denn die junge Frau sieht nicht nur blendend aus, sie hat auch einiges auf dem Kasten. Dennoch ist ihre besserwisserische Art für ihn eine große Hürde in einer harmonischen Zusammenarbeit. Er wird das Gefühl nicht los, dass sie irgendetwas verbirgt. Sie ist in gewisser Weise reserviert.

„Wo warst du?“, kann sie sich dann doch nicht verkneifen.

„Ich war eine Kleinigkeit essen“, lügt er. Ihr aufgesetztes Schmunzeln verrät Linda. Sie glaubt ihm kein Wort. Nicht schlimm, denkt er sich, als er sich an seinen Schreibtisch setzt.

„Dein Telefon hat vor Minuten geklingelt“, erklärt Vollmer. „Es waren die Kollegen.“ Er blickt sie mit großen Augen an. „Nora Kovac“, sagt sie monoton und blickt Wagner das erste Mal seit seiner Wiederkehr richtig an.

„Wer ist das?“, will er überrascht von den Worten wissen.

„Eine Tierärztin aus Bonn.“

„Kenne ich nicht. Ich habe kein Haustier“, sagt er mit einer Spur Humor, den sie nicht erkennt.

„Sie ist offenbar Opfer einer Gewalttat geworden.“

„So förmlich?“, fragt er neckig, doch Vollmer geht nicht auf die Spitze ein. Ihr ist nicht nach Spaßen zu Mute.

„Sie wurde mit 24 Messerstichen ermordet.“

 

2

Die Bonner Südstadt gilt als einer der schönsten Stadtteile der ehemaligen Bundeshauptstadt. Gründerzeithaus an Gründerzeithaus. Hohe Decken, Stuck und verwinkelte Gärten. Wenn man sich die Autos wegdenkt, fühlt man sich wie einem Roman der Jahrhundertwende. Wagner und Vollmer parken ihren Dienstwagen in einer Lücke unter einer Pappel direkt vor dem Haus des Opfers, ein Luxus, der den Bewohnern der Straße eher selten zu Gute kommt – in der Südstadt Bonns herrscht chronische Parkplatznot. Angelockt vom typischen rotweißen Flatterband, dass das Gründerzeithaus der Kovacs als Tatort auszeichnet und von dem Polizeiaufgebot, hat sich gegenüber dem Gebäude ein kleiner Auflauf an Neugierigen und Nachbarn gebildet. Ein Polizist in Uniform versucht dort Fragen zu beantworten und eventuelle Aussagen aufzunehmen.

„Um die kümmern wir uns gleich“, sagt Wagner. „Lass uns reingehen, mal sehen, ob die Kollegen uns schon was sagen können“. Vollmer nickt und folgt Wagner die fünf Treppenstufen zum Eingang der Stadtvilla.

„Keine Kameras“, stellt Vollmer nach einem kurzen Blick auf die Fassade des Hauses fest. „Fast schon verwunderlich, die Gegend stinkt doch vor Geld.“ Wagner lehnt sich mit der Schulter gegen die massive Holztür, als er von innen vehement unterbrochen wird.

„Stopp! Welcher Idiot schiebt denn die Tür hier genau in meine Leiche?“ Werner Dung ist das Urgestein der Bonner Spurensicherung und offensichtlich derzeit der Chef am Tatort. Vorsichtig öffnet er die Tür einen Spaltbreit, steckt seine Glatze hindurch und mustert die beiden Beamten. „Die Kollegen von der Mordkommission, hätte ich mir denken können.“ Er macht eine kurze Pause. „Unser Opfer muss es quasi beim Öffnen der Tür erwischt haben, sie liegt direkt im Eingangsbereich. Wartet mal kurz, ich gebe euch etwas zum Reinschlüpfen, bevor ihr mir hier alle Spuren verwischt.“

Wagner und Vollmer ziehen in die obligatorischen Overalls über und zwängen sich durch den Türspalt des Hauses. Der Anblick verschlägt Ihnen den Atem. Der weiße Windfang und Eingangsbereich ist hell erleuchtet von den Lampen der Spurensicherung. Die Wände, das Schuhregal neben der Tür, die Jacken am Kleiderhaken sind übersät mit Blutspritzern. Das Opfer hat einen ehemals weißen Bademantel an, der blutdurchtränkt ist. Nora Kovac liegt auf dem Rücken, der Bademantel ist geöffnet und gibt den Blick auf ihren vom Blut beschmierten und mit Messerstichen malträtierten Körper frei. Sie ist eine sehr schöne Frau, denkt sich Wagner, um den Gedanken im selben Moment wieder unter unpassend in einer Schublade seines Gehirns verschwinden zu lassen.

„Meine Güte“, sagt Vollmer und wird sichtlich bleich im Gesicht. „So viel Blut und Hass bei einer einzigen Leiche habe ich noch nie gesehen.“ Sie packt ihr Handy aus und beginnt Fotos von der Leiche zu machen. Eine Übersprunghandlung, denkt Wagner, die Kollegen machen doch Fotos. Gleichzeitig beschließt er, die junge Kollegin nicht darauf hinzuweisen. Jeder geht mit Leichen anders um. Wagner hat es sich angewöhnt, sofort in die Analyse zu gehen. Das hilft ihm.

„Werner, gibt es irgendwelche Spuren, die uns jetzt schon irgendwie weiterhelfen?“

„Ja klar“, antwortet der leicht untersetzte Dung. „Ich habe für euch auch schon den Mörder gefasst. Der sitzt in Handschellen in der Küche. Also manchmal.“ Dung schüttelt verwundert den Kopf. „Nein, keine Spuren hier und auch keine Einbruchsspuren. Vor dem Haus sieht es auch schlecht aus, aber wir sind noch dran! Ein Sexualverbrechen würde ich auch ausschließen, aber da wird euch der Pathologe besser Auskunft geben können.“

Wagner mag die trockene, manchmal süffisante Art von Dung, kennt ihn aber auch schon seit Ewigkeiten.

„Wenn Sie die Energie, die Sie in dumme Sprüche investieren in die Spurensicherung packen, können wir ja vielleicht noch auf ein paar Spuren hoffen“, kann sich Vollmer einen Seitenhieb nicht verkneifen.

„Und wenn Sie Ihren Job machen und mich meinen machen lassen“, poltert Dung, „dann will ich über diese Frechheit mal hinwegsehen. Immer diese Kinderkommissare, gerade von der Polizeischule und schon Sprüche klopfen als wären sie bei CSI Miami.“  Vollmer ist sichtlich irritiert von der Härte der Antwort.

„Wer hat die Tote denn gefunden?“, will Wagner wissen.

„Der Ehemann“, antwortet Dung, „sitzt nebenan im Wohnzimmer. Er war mit den Kindern bei seiner Mutter in den Niederlanden. Stell dir vor, du kommst nach Hause, machst die Haustür auf und siehst das hier. Zum Glück hatte er die beiden Kinder vorher zum Spielen bei Freunden vorbeigebracht. Der ist durch, der Mann.“

Ilja Kovac ist ein gutaussehender Mann. Schulterlange schwarze Haare, braungebrannt und sehr gepflegt. Seine leeren Augen und sein apathischer Blick stehen im krassen Gegensatz zu seinem Äußern und ändern sich auch nicht, als Wagner und Vollmer das Wohnzimmer betreten. „Herr Kovac“, beginnt Vollmer vorsichtig. „Erstmal unser aufrichtiges Beileid. Bitte sagen sie uns, wenn das jetzt zu früh kommt, aber es wäre wahnsinnig wichtig, wenn wir Ihnen ein paar Fragen stellen dürfen.“

„Blut“, antwortet Kovac und blickt starr auf den Boden. „Überall Blut! Meine Nora“, stammelt er. „Es war doch alles so perfekt. Und jetzt“ wieder eine Pause. „Blut, all das Blut“.

Wagner weiß aus seiner langjährigen Erfahrung, dass eine reguläre Befragung zu diesem Zeitpunkt so gut wie unmöglich ist. „Herr Kovac, warum war ihre Frau denn nicht mit bei ihrer Mutter in Holland?“, versucht er es trotzdem. In Kovacs Augen kehrt kurzfristig Leben zurück.

„Wollen sie mir mit dieser Frage irgendetwas sagen?“, blafft der Wagner an. „Wir sind, nein, wir waren glücklich.“

„Eigentlich“, antwortet Wagner, „wollte ich nur wissen, warum ihre Frau nicht mit war?“, wiederholt Wagner seine Frage. Kovac sinkt wieder in sich zusammen.

„Nora wollte eigentlich mitkommen, aber sie hat am Freitag eine Not-OP bei einem Bauern in Bornheim reinbekommen. Eine Kuh hat wohl gekalbt. Als das Vieh auf der Welt war, waren die Kinder und ich schon längst bei meiner Mutter in Domburg. Meine Mutter hat dort ein Ferienhaus, in dem sie immer den gesamten Sommer verbringt. Nora und Ich haben dann beschlossen, dass es keinen Sinn macht, wenn sie noch nachkommt. Irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass sie diese Entscheidung erleichtert hat. Und jetzt Blut. Überall Blut…“. Kovacs Blick wirkt erneut apathisch. Wagner fragt sich, ob diese Reaktion echt ist. Der kurze emotionale Ausbrauch des Ehemanns hat ihn stutzig gemacht. Gleichzeitig liegt die Frau des Mannes nur zehn Meter entfernt im eigenen Blut. Vielleicht ist es ja doch irgendwie normal?

Der uniformierte Kollege, der die Nachbarn vor dem Haus befragt, steckt seinen Kopf durch die Wohnzimmertür und bittet Wagner und Vollmer mit einer Handbewegung in den Flur. Betont lässig berichtet er von den Zeugenaussagen. „Hallo zusammen, Mager mein Name, Polizeimeister“, der schlacksige Kerl grinst die Kollegen an, als habe er mit der Vorstellung schon eine Glanzleistung vollbracht. „Es hat natürlich so gut wie keiner etwas gesehen. Allerdings sagen beide Nachbarn von jeweils nebenan, dass der Bewegungsmelder im Garten in den letzten Tagen ungewöhnlich oft angegangen ist“, fährt er fort. „Naja, wenn ihr mich fragt, irgendein technischer Defekt, die Dinger streiken doch ständig. Macht was draus, Kollegen, ich bin wieder draußen!“ In dem Moment, in dem die Tür sich schließt, treffen sich Wagners und Vollmers Augen.

„Garten?“, fragt Vollmer den älteren Kollegen.

„Garten!“, antwortet Wagner.

Die beiden Beamten durchqueren die Designerküche im Erdgeschoss und betreten einen etwa 300 Quadratmeter großen Garten. Hier hat sich sicherlich ein Gartenbau-Profi ausgetobt. Der Rasen ist gestutzt, die Beete sauber geharkt und mit Rindenmulch gefüllt. Der ganze Garten gleicht eher dem Center Court in Wimbledon als einem „Wohlfühlgarten“ für eine Familie mit Kindern.

„Gemütlich“, murmelt Vollmer und verzieht ihr Gesicht dabei.

„Nicht wirklich“, sagt Wagner. „Aber praktisch, um eventuelle Spuren zu finden.“ Zielsicher geht der Polizist in die Mitte des Gartens und kniet sich auf den Rasen. „In einem anderen Garten hätte ich das hier sicherlich nicht gefunden“, sagt Wagner und deutet auf ein auffällig buntes Bonbonpapier.

„Und das ist jetzt eine heiße Spur?“, fragt Vollmer. „Hier leben Kinder, da kann wohl mal ein Bonbonpapier rumliegen.“ Das ist zwar richtig, denkt Wagner, aber die Kinder waren einige Tage nicht da. Er zieht einen Latexhandschuh über und steckt das Bonbonpapier in einen kleinen Beweismittelbeutel. Irgendetwas sagt ihm, dass es in diesem Haus jemanden gibt, der ein Bonbonpapier in diesem akribisch sauberen Garten niemals dulden würde. Und vielleicht liegt dieser jemand gerade erstochen im Eingang des Hauses.

Die Kommissare drehen ihre Köpfe ruckartig zur linken Seite des Gartens, als sie eine Stimme hören. An einem kleinen Gartentörchen steht eine ältere Dame. Sie ist klein, drahtig, wirkt aber auf den ersten Blick sehr agil. Die Frau trägt ein grelles Sommerkleid, ihre Haut ist gebräunt, wirkt ein wenig ledrig.

„Hallo“, ruft sie und winkt den beiden Ermittlern zu. „Schrecklich“, fährt sie fort, während die Beamten einige Schritte auf sie zu machen. „Ganz schrecklich. Es hat sich schon rumgesprochen, was mit Frau Kovac passiert ist!“. Immer wieder interessant, denkt sich Wagner, wie schnell sich vermeintliche Details bei einem Verbrechen in der Nachbarschaft rumsprechen. Aber er lässt die ältere Dame reden. „Herr Kommissar, ich möchte eine Aussage machen. Ludwig ist mein Name, Maria Ludwig“, sie streckt den Beamten ihre schlaffe, kalte Hand entgegen. „Ich wohne schon seit 45 Jahren hier.“ Vollmer verdreht die Augen. Man merkt ihr an, dass sie das Ganze hier für Zeitverschwendung hält. Als ob die rüstige Dame Gedanken lesen kann, fährt sie fort. „Sie denken sicher, was ich mit meinen 81 Jahren wohl gesehen haben will. Und da haben Sie sicher auch ein wenig recht. Meine Augen sind nicht mehr die Besten, also erwarten Sie keine Wunderdinge von mir. Ich kann Ihnen auch keine genaue Personenbeschreibung geben – so sagt man doch oder? Ich kenne den Begriff aus dem Tatort, den schaue ich jeden Sonntag – aber ich habe jemanden gesehen.“ Vollmer kann ihre Ungeduld kaum verbergen, Wagner weiß aus seiner langjährigen Erfahrung, dass selbst in einer vermeintlich unnützen Aussage oft ein Funken Wahrheit steckt. „Wissen Sie, ich habe seit dem Tod meines Mannes viel Zeit. Deshalb sitze ich gerne am Fenster und schaue mir das Treiben auf der Straße an. Die letzten Tage ist mir dabei ein Mann aufgefallen, der immer wieder die Straße hoch und runtergegangen ist. Sie werden sagen, was ist da jetzt so besonders. Sommer. Wir haben Sommer.“ Wagner kann der Dame noch nicht folgen. „Na der Mann trug eine dicke Winterjacke, mitten im Sommer“, sagt die Nachbarin der Kovacs. „Deshalb ist er mir in Erinnerung geblieben“.

Wagner schüttelt innerlich den Kopf. Eine tote Frau. Opfer eines Gewaltverbrechens, offensichtlich ohne sexuellen Hintergrund. 24 Stiche. Keine Einbruchs- oder andere Spuren. Die einzigen Hinweise sind ein Bonbonpapier, ein hyperaktiver Bewegungsmelder und die Aussage einer halbblinden Nachbarin, dass jemand im Sommer etwas zu warm angezogen ist. Auf der anderen Seite gibt es einen scheinbar geschockten Ehemann, der die Tote gefunden hat.

Irgendetwas in Wagner sagt ihm, dass ihn dieser Fall noch länger beschäftigen wird.

(Jörg Kreutzer)

3

3
Linda Vollmer starrt gebannt auf die Fotos, die auf dem kalten Bürotisch verstreut liegen. Wieder und wieder kehrt ihr Blick zu der Aufnahme der Haustür in der Bonner Südstadt zurück. Massives Holz, solide, durchbrochen nur von einem Glaselement, fünf Zentimeter breit, senkrecht, genau in der Mitte. Nichts Besonderes, das sieht man heute so oft. Aber sie ahnt, dass da etwas Besonderes sein muss. Hinter dieser Tür lag das Opfer und vor dieser Tür muss der Täter gestanden haben. Was hat er gesehen? Was hat er gedacht? Wie ist er ins Haus gekommen? Verdammt noch mal, sie stand doch selbst eben noch dort. Warum ist ihr nichts aufgefallen? Und dann der Anblick dieser Frau, der ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Die Blutlache, die Wunden. Wieso hat sie sich davon nur so durcheinanderbringen lassen? Es handelt sich schließlich nicht um die erste Leiche, die sie je gesehen hat. Aber keine war bisher so zugerichtet, einfach nur grausig. Dann auch noch dieser süffisante Kriminaltechniker. Dung. Nein, mit ihm wird sie nicht so schnell warm werden. Sie beißt sich auf die Unterlippe. Da ist er, dieser Ehrgeiz. Dieser Ehrgeiz, das kleine Detail zu finden. Diesen kleinen Hinweis, den niemand außer ihr sieht, dieses fehlende Puzzlestück, von dem aus sich alle anderen zusammenfügen. Sie muss den Mörder finden – das ist sie dem Opfer schuldig. Zumindest redet sie sich das ein, ohne den genauen Grund zu kennen.
Sie wäre gerne wie Sherlock Holmes. Für den britischen Privatdetektiv ist doch auch immer von Anfang an alles klar. Alles so einfach, im Handumdrehen erledigt. Er lässt Watson noch ein bisschen in die Irre schnüffeln, das hält die Spannung aufrecht. Und dann zerlegt er Fakten und Irrtümer mit brillanter Logik. Linda seufzt. Deswegen ist sie zur Kripo gegangen. Wegen der Fakten, der Logik, der Puzzleteile. Sie würde zu gerne Sherlock sein, Wagner könnte ihr Watson sein. Natürlich hat er mehr Erfahrung als sie. Deutlich mehr. Doch mit der Logik hat er es ihrer Meinung nach nicht so.
„Linda?“ Eine laute Stimme reißt sie aus ihren Gedanken. Für einen kurzen Moment blickt sich Linda Vollmer desorientiert um. Ach ja, Lagebesprechung im Präsidium. Das hier ist nicht der Tatort. Sie befindet sich in einem funktional eingerichteten Besprechungsraum mit hellbraunen Pressholzschränken und einem runden Tisch mit sechs Stühlen. Auf einem rutscht sie selbst unbequem hin und her, drei weitere belegen Hauptkommissar Wagner und die beiden Kollegen, Cem Yilmaz und Selinde Eisinger. Fakten! Linda konzentrier dich auf die Fakten, ermahnt sie sich. Fakten sind beruhigend. Fakt ist jedoch auch, dass Cem und Selinde sich vielsagende Blicke zuwerfen und überheblich lachen. Hitze schießt in Lindas Gesicht.
„Wie siehst du die Sachlage?“, will Wagner wissen.
Sie beißt sich einmal mehr auf die Unterlippe, eine blöde Angewohnheit. Sie müht sich, alles auszublenden, was stört. Jetzt kommt es drauf an. Jetzt muss sie zeigen, was sie kann. Die Fakten zusammenfassen. Mit einer Hand tastet sie unauffällig nach ihrer Tasche, dort hin, wo sie lange ihre Medizin aufbewahrt hat. Ihr Beruhigungsmittel. Den Alkohol. Ein Schluck hat ihr so oft geholfen, und plötzlich liegen die Dinge klarer vor ihren Augen. Bevor sie mit dem zweiten und dritten Schluck in noch tieferem Nebel versinken. Aber damit hat sie doch abgeschlossen, oder?
„Also, ich sehe das so“, setzt sie an, während Wagner die Fotos auf dem Tisch hin und her schiebt. Er bringt alles durcheinander. Linda stockt.
„Wir müssen natürlich die Ergebnisse der KTU abwarten“, springt Selinde Eisinger ein und schickt ein unterkühltes Lächeln in Lindas Richtung. Vollmer wirft ihrer Kollegin einen abschätzigen Blick zurück. Diese labbrige Pullover, viel zu groß. Selinde ist sportlich, vielleicht eher drahtig. Ihrem Gesicht sieht man die Vierziger aber schon an. Falten, die Haut ein wenig ledrig. Strahlende Augen und ein herzliches Lächeln. Doch es ist künstlich. Nein, falsch. Ihre Kleidung lässt den Eindruck entstehen, dass sie sich ein wenig gehen lässt. „Klar ist doch“, fährt Selinde selbstbewusst fort. „Das Opfer wurde direkt an der Haustür umgebracht. Es gibt keine offensichtlichen Einbruchsspuren. Sie muss den Täter entweder gekannt oder ihm zumindest die Tür geöffnet haben. Im Wohnzimmer stand eine Flasche Wein, zwar nur mit einem Glas, aber wer weiß, vielleicht war der Täter schon im Haus? Vielleicht hat er sie beim Abschied ermordet?“
Was soll das? Linda starrt Selinde mit großen Augen an. Was bildet sie sich eigentlich ein? Wagner hat doch mit ihr gesprochen und nicht mit diesem kleinen Licht. Selinde Eisinger ist noch kleiner als Watson – ein Niemand. Aber ein Niemand, der ihr soeben die Show stiehlt. Sie fokussiert ihre Sinne, konzentriert sich. Der Täter stand also vor der Tür. Aber warum? Wo ist bloß dieses Puzzleteil, das nur darauf wartet, von ihr entdeckt zu werden?
„Stimmt“, pflichtet Cem Selinde schließlich bei und erntet dafür ein warmes Lächeln. Linda rollt wütend mit den Augen. „Wir wissen noch zu wenig über das Opfer“, fährt Cem fort. „Wahrscheinlich hatte Nora Kovac einen Liebhaber. Ich überprüfe gerade ihr sozialen Kontakte.“ Er weist mit dem markanten Kinn auf seinen Laptop, während er den Cursor mit der Maus rauf und runter tanzen lässt.
„Oh, lass mal sehen.“ Selinde beugt sich etwas zu nah zu ihm hinüber, um ihm über die Schulter zu sehen.
„Gut“, beendet Wagner das Gespräch. „Cem und Selinde, ihr überprüft die sozialen Medien und wenn ihr damit fertig seid, fahrt ihr noch mal zum Tatort. Befragt noch einmal die Nachbarn, vielleicht hat noch jemand was gesehen. Außerdem will ich mehr über den Mann in der dicken Jacke erfahren. Wurde er von anderen Nachbarn gesehen?“ Geräuschvoll schieben die beiden Kollegen ihre Stühle noch ein wenig enger nebeneinander. Linda lässt sie nicht aus den Augen. Sie spürt diese Abneigung gegen die Neue. Cem Yilmaz, ein attraktiver Mittfünfziger, markante Gesichtszüge, schlaue Augen, durchtrainiert. Doch auf der anderen Seite so hochnäsig, aufgeblasen.
Wagner wendet sich Linda zu. „Wir beide fahren zu den Eltern.“ Linda seufzt. Die Eltern sind Wagners Sache, denkt sie sich. Wenn sie wüsste.
Denn für den erfahrenen Ermittler gibt es diese eine Sache an seinem Beruf, an die Dominik Wagner sich nie gewöhnen wird, denkt er sich, als er den Dienstwagen aus dem Fuhrpark auf die Schnellstraße lenkt. Diesen Moment, wenn er den Angehörigen die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen überbringen muss. Wie er es hasst, in die Gesichter der Hinterbliebenen zu blicken. Zu beobachten, wie die Nachricht sackt, wie Eltern und Ehepartner langsam verstehen, wie die Energie aus ihren Augen weicht und sich in pure Verzweiflung verwandelt.
Er ist natürlich nicht gefühlsduselig oder so was. Er ist lange genug bei der Mordkommission, hat in die tiefsten menschlichen Abgründe geblickt, die kniffligsten Fälle gelöst. Nur solche Gespräche liegen ihm wirklich nicht.
Als Teamleiter sieht er sich in der Pflicht, diese unliebsame Aufgabe zu übernehmen. Auf der anderen Seite könnte doch die neue Kollegin übernehmen, sich beweisen. Linda Vollmer hackt immer nur auf Fakten, harten Fakten herum. Das kann sie, das muss er ihr lassen. Sie hat ein Gespür für Daten, logische Zusammenhänge, auch wenn sie für eine gute Ermittlerin viel zu oft mit den Gedanken woanders ist. Ihr fehlen seiner Meinung nach zwei wesentliche Dinge: Die Erfahrung und das Gefühl.
„Sag mal Linda, ich hätte gerne, dass du das Gespräch führst“, sagt er viel zu vorsichtig, als er den Wagen in eine Seitenstraße lenkt. Bornheim, eine Gemeinde zwischen Köln und Bonn. Dieser Teil der Ortschaft hat aber eher etwas dörfliches. Vollmer wirkt sichtlich überrascht, nickt aber vorsichtig. Was bleibt ihr auch anderes übrig. Wagner parkt das Fahrzeug vor einem schmucken Reihenhaus, das wohl in den Siebzigerjahren mal modern war. Roter Backsteinbau, typisch für die Gegend hier, wenn auch mit den Jahren etwas bräunlich verfärbt.
Wagner überprüft mit einem flüchtigen Blick noch einmal die Adresse: Elisabeth und Herbert Koch. „Na dann“, sagt er aufmunternd, und meint mehr sich selbst als seine stumme Kollegin. „Hier sind wir richtig.“
Sie steigen aus. Das Gartentor ist unverschlossen, und die beiden Beamten gehen langsam die wenigen Schritte durch den gut gepflegten Vorgarten auf die massive Haustür der Keltenstraße 23b zu. Auf der linken Seite wachsen einige kunstvoll zugeschnittene Buchsbäume aus einem Kiesbeet, das nicht die kleinste Spur von Unkraut aufweist. Auf der anderen Seite stehen ein Häuschen für die Mülltonnen und zwei sorgfältig geputzte E-Bikes. So viel Ordnung macht Wagner ganz nervös. Er lässt den Blick schweifen. Hier gleicht nicht nur ein Haus dem anderen aufs Haar, auch die Vorgärten sind wohl gepflegt, so weit das Auge reicht. Vorstadtidylle. Landleben, aber nah genug an der Stadt, dass die Fußgängerzone einen Wochenendausflug wert ist. Die Menschen hier machen das wahrscheinlich noch so, haben noch nicht auf Onlineshopping umgestellt, wie die meisten ihrer Kinder und Enkel.
Wagner seufzt und richtet den Blick wieder auf Nora Kovacs Elternhaus. Das kleine Milchglasfenster rechts neben der massiven Tür aus dunklem Holz gehört sicher zum Gäste-WC, das größere Fenster links bestimmt zur Küche. Unter den halbhohen weißen Gardinen mit geblümtem Häkelmuster blühen farbenfrohe Primeln und Stiefmütterchen. „Perfekte Küchenblumen“, hat Wagners Mutter immer gesagt. „Die machen alles mit, außer pralle Sonne“. Die Hausfront liegt nach Westen. Noch ist es hier schattig. Wieder schüttelt der Kommissar den Kopf. Wo sind nur seine Gedanken? Er tupft sich den Schweiß von der Stirn. Dieser Sommer ist schon verdammt heiß.
„Na dann“, seufzt er und drückt die Klingel. Neben ihm hält Linda sich vor Anspannung kerzengerade. Von innen erklingt eine langgezogene Melodie, gefolgt von schwerfälligen Schritten. Eine Frau mit faltigem Gesicht öffnet ihnen. Auf den ersten Blick wirkt sie älter, als Wagner erwartet hätte. Ihr graues Haar ist streng nach hinten gebunden, ihre hellen Augen wirken hinter den Gläsern der randlosen Brille wässrig. In einer altmodisch gestreiften Bluse, die zwar kurzärmelig, aber bis zum gestärkten Kragen hinauf zugeknöpft ist, und einem gebügelten Faltenrock wirkt sie für diesen Sommertag auf seltsame Weise adrett. Wagner lächelt. Ihm fällt kein passenderes Wort ein. Elisabeth Koch ist eine durch und durch adrette Frau.
„Guten Tag“, grüßt sie mit fragendem Unterton, der Blick wirkt skeptisch. Einen Moment herrscht Schweigen.
„Wagner“, presst der Polizist hervor und hält seinen Dienstausweis wie einen Schild vor sich. „Kriminalpolizei. Ähm. Mordkommission. Das ist meine Kollegin Vollmer.“ Er schubst Linda unsanft an.
„Guten Tag“, fügt sie hinzu. „Sind Sie Frau Elisabeth Koch?“ Die Frau nickt, und wieder droht sich Schweigen auszubreiten. Wagner atmet tief ein, doch Linda springt unverhofft ein. „Dürfen wir reinkommen?“, fragt sie sanft und schiebt dabei die Tür so gekonnt auf, dass die Mutter des Opfers beinahe glauben könnte, sie ließe die Polizei aus freien Stücken ein. „Ist sonst noch jemand zuhause? Ihr Mann vielleicht?“ Irgendwo im Haus schlurft jemand.
„Wer ist denn da, Elisabeth?“, fragt eine ernste Stimme.
„Die Polizei, Herbert.“
„Guten Tag, Herr Koch.“ Herbert Koch tritt aus dem Schatten hervor. Er ignoriert Lindas ausgestreckte Hand. In Karohemd und kurze Stoffhose gehüllt, scheint ihm die Hitze mehr zu schaffen zu machen, als seiner adretten Frau. Sein Gesicht ist gerötet und unter den Achseln zeichnen sich nasse Flecken ab. Einen Moment fragt Wagner sich, ob Elisabeth Koch ihrem Mann morgens die Klamotten raus legt? Der Polizist schätzt den Mann auf Anfang 70. Sein Gesicht ist gezeichnet, möglicherweise Alkohol, vielleicht eine Krankheit. Frohsinn scheint ein Fremdwort zu sein. Auch jetzt macht er keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber der Beamten.
„Ich bin Linda Vollmer, das ist mein Kollege Dominik Wagner“, fährt Linda fort. „Leider haben wir keine guten Nachrichten für Sie. Heute Morgen kehrte ihr Schwiegersohn“
„Was? Ilja?“, unterbricht der kräftige Mann die Polizistin. „Na, ich habe ja immer drauf gewartet, dass der es mal mit der Polizei zu tun bekommt.“
„Nein, Herr Koch, es geht um Ihre Tochter. Als ihr Schwiegersohn“
„Nora?“ In der Stimme des alten Mannes schwingt ein alarmierter Unterton mit.
„Jetzt lass sie doch mal ausreden“, unterbricht ihn seine Frau. Linda blickt hilfesuchend zu Wagner hinüber, doch der zuckt nur mit den Schultern. Die ältere Dame gibt den Beamten mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie sich in das Wohnzimmer aufmachen sollen. Die Einrichtung ist modern, wenn auch schlicht. Doch sie lässt keinen Zweifel zu: Nora Kovacs Eltern scheinen über das nötige Kleingeld zu verfügen. Der Flachbildschirm, der massive Holztisch. Es passt alles zusammen und wirkt gemütlich. Einen Sitzplatz bekommen die Beamten aber nicht angeboten.
„Als Ihr Schwiegersohn heute Morgen von einem Besuch bei seinen Eltern zurückkehrte,“ Linda macht eine Pause. „Es tut mir leid, als er nach Hause kam, da fand er seine Frau, also ihre Tochter, Nora, er fand sie tot auf.“ Einen Moment lang herrscht Stille. Elisabeth Koch starrt Linda konsterniert an. Der Vater klappt ein paar Mal den Mund auf und zu, ohne etwas zu sagen. Elisabeth Koch greift nach dem Arm ihres Mannes.
„Nora ist“, hebt sie an, und Linda nickt, bevor die Mutter weitersprechen kann.
„Aber“, der Vater schluckt, „was ist passiert?“
Linda fasst zusammen, was sie wissen, lässt die grausamen Details  aber aus. So klingt alles zwar ein bisschen weniger blutig, als es war, aber sie macht einen guten Job, muss Wagner ihr zugestehen. Linda spult die Fakten herunter, vielleicht eine Spur zu emotionslos. Vermutlich aus Eigenschutz. Die Mutter weint leise und tupft sich die Nase mit einem Taschentuch. Der Vater ist mittlerweile kreidebleich.
„Wo sind die Kinder?“, presst Elisabeth Koch schließlich hervor.
„Sie sind wieder bei den anderen Großeltern“, beruhigt Wagner sie. „Frau Koch, Herr Koch, mein aufrichtiges Beileid“, sagt nun auch der erfahrene Ermittler. Er taxiert die Situation, die Reaktionen. Sie sind nicht gespielt. Das ist beruhigend. Anders hätte er es auch nicht erwartet, aber man weiß ja nie. Herbert Koch hebt den Kopf. Sein Gesicht hat jetzt einen tiefroten Farbton angenommen, der sich ungut vom grau-grünen Karomuster seines Hemdes abhebt.
„Dieser Nichtsnutz“, wütet er schließlich los. „Ich hab‘s immer gewusst. Ilja hat irgendwas zu verbergen. Er wollte sich bei uns einschleichen. Was für ein undurchsichtiger Typ. Und jetzt hat er unsere Tochter auf dem Gewissen.“
„Aber Herbert“, versucht Elisabeth Koch, ihren Mann zu beruhigen. Ihre Augen sind verquollen, ihre Stimme brüchig. Doch er grunzt nur und schüttelt den Kopf. „Ilja liebt Nora so sehr“, fährt Elisabeth Koch fort. „Er tut alles für sie, er kümmert sich immer so gut um die Kinder, weil unsere Nora doch so viel zu tun hat.“
„Herr Koch, was denken Sie, was könnte Ilja zu verbergen haben?“, hakt Linda nach, bevor Wagner weiterfragen kann. Doch Koch brummelt nur vor sich hin.
„Also, Herbert meint wahrscheinlich, dass Iljas eigene Praxis ohne unsere Hilfe nie wirklich ins Laufen gekommen wäre. Nora hat immer so viel gearbeitet.“ Sie blickt auf, legt die Hände an die Schläfen. „Ilja liebt Nora.“ Ihre Augen weiten sich. „Also, er hat sie…“ Mit diesen Worten sinkt sie in sich zusammen. Ihr Ehemann fängt sie gerade noch rechtzeitig auf. Gemeinsam mit Wagner trägt er Nora Kovacs Mutter zu dem Sofa. Sie legen sie behutsam auf die Couch. Linda ruft einen Krankenwagen.
„Na, das lief ja eher mittelprächtig“, fasst Wagner zusammen, als die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt. „Immerhin haben wir herausgefunden, dass Ilja Kovac nicht ganz sauber ist.“

(Sonja Frenzel)

4

4
Das kleine grüne Männchen lässt ihn innerlich lächeln. Mit dem viel zu großen Schnäuzer und dem Chillischoten-Hut sieht es einfach nur witzig aus. Ein Kaktus. Ein Kaktus in rotem Fußballtrikot. Er zieht den kleinen Aufkleber von der Folie ab und platziert ihn fein säuberlich haargenau auf den vorgegebenen Linien. Dann drückt er sanft mit dem Finger über die Kanten und versichert sich, seine Arbeit auch akribisch ausgeführt zu haben. Er reißt eine weitere weiße Tüte auf. In grünen Lettern wird für die bevorstehende Fußball-WM in Mexiko geworben, die Flaggen auf der Verpackung kennt er alle. Seine Leidenschaft. Fahnen und Flaggen. Spätestens seitdem er von seiner Oma das Buch über die verschiedenen Flaggen geschenkt bekommen hat. Er zieht die Bilder aus der Verpackung und kann sein Glück kaum fassen: Lothar Matthäus. Der fehlt ihm noch. Sicherheitshalber schaut er auf die Rückseite des Aufklebers, sieht die Nummer 302. Eigentlich unnötig, denn Matthäus ist der einzige Spieler, der ihm von der deutschen Nationalmannschaft noch fehlt. Aufgeregt blättert er die Seiten um. Er zieht das Bild von der Folie ab und platziert es in die Reihe mit Olaf Thon, Felix Magath und Pierre Littbarski. Stolz streicht er über die Seite, als er den Schlüssel im Schloss der Haustür hört. Erschrocken fährt er zusammen. Hektisch knüllt er die Papierreste zusammen, steckt die Aufkleber in die Hosentasche und krallt sich das Sammelalbum. Schon als sein Vater das Wohnzimmer betritt, riecht er den Alkohol. Er kennt den Geruch, er weiß, was das Gesöff aus seinem Vater macht. Umso weniger kann er verstehen, warum der Mann sich das antut. Auf Marvins Geburtstag hat er an einem Bier genippt. Und es war ekelhaft. Von dem Rauchen will er gar nicht erst anfangen. Papa ruft nach Mama, sie hört ihn nicht. Kann sie auch gar nicht. Mama ist einkaufen. Viel zu spät. Das wird ärger geben. Papa erwartet sein Abendessen, wenn er von der Arbeit kommt. Das Problem: Man weiß nie, wann Papa von der Arbeit kommt, schließlich liegen auf dem Heimweg einige Kneipen, die er regelmäßig besucht. Wenn er denn gerade kein Hausverbot hat.
„Was hast du da?“, fragt er ihn aggressiv. Mit dem Kopf deutet er in seine Richtung. Natürlich hat er schon längst gesehen, dass er etwas hinter dem Rücken hält. In seinem Kopf rattert es. Sein Hirn läuft auf Hochtouren. Er weiß, dass er intelligent ist. Schlau. Er wäre ein hervorragender Schüler. Doch er ist schlau genug, auch mal mit schlechten Noten nach Hause zu kommen. Ein Streber hat es in dieser Gegend von Bonn schwer. Er weiß auch, dass es keinen Sinn macht, Vater anzulügen. Mit einem Satz springt er auf ihn zu, Sabber fliegt ihm aus dem Mund. Vater stinkt. Nach Alkohol, nach Schweiß. Er ist ungepflegt. Die Finger seines Vaters bohren sich in den Arm, drücken zu. So feste, dass er das Album fallen lässt. „Was ist das für ein Scheiß?“, schreit er jetzt.
„Das ist ein Sammelalbum“, verteidigt er sich.
„Das sehe ich. Glaubst du, ich bin blöd?“ Nein, auch sein Vater ist nicht blöd. Er säuft sich nur den Kopf weg. „Woher hast du das?“, fragt er. Seine Augen sind zusammengekniffen. Aus ihnen spricht der pure Hass, Zorn.
„Ich habe es mir von meinem Taschengeld gekauft. Die Bilder tausche ich in der Schule.“ Eine schallende Ohrfeige bringt ihn aus dem Konzept. Damit hätte er rechnen müssen und dennoch überrascht ihn die Aggression.
„Wir haben kein Geld für so einen Scheiß“, schimpft sein Vater. Dann setzt es eine weitere Ohrfeige. Vater wickelt das Album zusammen und schlägt es ihm ins Gesicht. Dann reißt er die einzelnen Seiten heraus. Eine nach der anderen. Er ist vollkommen in rage. Natürlich könnte er protestieren, doch das würde Vater nur noch wütender machen. Schließlich ist er an der Seite mit Matthäus angekommen. Ein einzelner Riss. Tränen laufen ihm über das Gesicht. „Was ist das?“, schreit sein Vater wutentbrannt. „Bist du ein Mädchen?“, will er wütend wissen. „Heulst du wie ein kleines Mädchen? Ja?“ Er traut sich nicht, zu antworten. Denn er weiß, dass jede Antwort falsch ist. „Ich gebe dir einen Grund zu heulen“, schreit sein Vater, öffnet den Gürtel und zieht ihn aus seiner Hose. Während die Schnalle immer und immer wieder auf seinen Körper einschlägt, sieht er vor sich das Bild von Lothar Matthäus.

5

Es riecht nach einer Mischung aus kaltem Schweiß und abgestandenem Bier. Dominik Wagner sitzt an dem Tresen. In der rechten Hand hält er ein Craftbier, mit der linken spielt er mit einem feuchten Bierdeckel. Er starrt auf das Holz, blickt dann aber auf und zieht sein Smartphone aus der Tasche. 18:55 Uhr. Erst, und doch fühlt es sich an, als hätte sich der Tag unglaublich in die Länge gezogen. Im hinteren Teil der Kneipe sitzen zwei ältere Kerle und gönnen sich einen Whiskey. Das Pawlow ist für die große Auswahl bekannt. Wagner lässt seinen Blick durch die Kneipe schweifen. Früher war er öfter hier. Die Bilder von lokalen und bekannten Rocklegenden lassen ihn lächeln. Warum in Gottesnamen knarzt dann aber dieser Country aus den übersteuerten Boxen. Guns N‘ Roses, Metallica oder Faith no more wären ihm deutlich lieber. Er nippt an seinem Bier, hätte sich vielleicht auch für einen Whiskey entscheiden sollen. Vielleicht aber auch nicht. Denn er will eigentlich einen klaren Kopf bewahren. Dennoch fühlt er sich in diesem Moment pudelwohl. Es bringt ihn auf andere Gedanken. Wieder huscht ihm ein Lächeln über die Lippen. Er muss an seine neue Kollegin denken. Harte Schale, weicher Kern. Natürlich hat er gesehen, wie ihr das Bild der toten Nora Kovac zugesetzt hat, wie hätte es auch nicht. Auch er wird sich niemals an diesen Anblick gewöhnen können. Das kann man nicht. Aber man stumpft ab. Irgendwann, wenn der Kopf diese Bilder akzeptiert, das Gewissen für einen Augenblick ruht, dann nimmt man es einfach hin. Nur nicht denken. Nur nicht an die Familie, Kinder oder Freunde denken. Nein, in diesem Moment muss er die Leiche als Objekt ansehen, nicht mehr als Mensch. Doch die Brutalität lässt ihn nicht in Ruhe. Wie aggressiv muss der Mörder sein, welche ungeheure Wut schlummert in ihm, lässt ihn zum Mörder werden. Zur Bestie. Zum Monster. Was hat Nora Kovac verbrochen? Die Tierärztin, beliebt, liebevolle Mutter. Die Tür wird aufgestoßen. Ein Auto fährt just in diesem Moment vorbei. Wagner hebt die Hand als er Milo sieht. Miloslaw Petrow, genannt Milo, einer seiner ältesten Wegbegleiter. Er würde nicht sagen Freund, dafür haben die beiden zu wenig gemein. Der gebürtige Ukrainer lächelt Wagner an. Ukrainer. Ein Gedanke breitet sich in Wagners Gehirn aus. Kovac, ein slawischer Name? Könnte es sich bei seinem Täter um einen Rassisten handeln? Er macht sich eine geistige Notiz, in der Hoffnung, sie bis morgen behalten zu können.
„Hey“, sagt Milo, als er nur noch wenige Meter entfernt steht. Wagner schüttelt den Kopf. Milo ist ihm ein Rätsel. Er ist ein Blickfang für Frauen, breitschultrig, muskulös, Dreitagebart, dazu die strahlenden blauen Augen, die irgendwie im Gegensatz zu den dunkelblonden Haaren stehen. Einzig: Milo, dieser Fleisch gewordene Actionschauspieler oder Stuntman ist ein Computernerd. Ein Datenanalyst, wie er im Buche steht. Milo gewinnt jedes Fußball-Tippspiel. Nicht etwa, weil er wirklich viel Ahnung hätte. Milo hat einen Algorithmus entwickelt, mit dem er so gut wie unschlagbar ist. Sein alter Wegbegleiter kann einfach mit Zahlen. Das konnte er schon in der Schule. Damals war er ein Mathegenie. Vielleicht kam er bei den Mädchen auch deswegen nicht so gut an, vielleicht auch, weil sein Deutsch damals noch nicht so gut war. Nein, Rassismus war nie ein Thema, wurde die Schule nicht müde zu behaupten und doch hat auch Dominik Wagner die Vorbehalte der Lehrer gegenüber diesem schlauen Kopf mitbekommen. Irgendwie konnte er Milo immer leiden. Und das obwohl sie nicht verschiedener hätten sein können. Er, der reiche, verwöhnte Junge aus gutem Elternhaus, der bei allen gut ankam, beliebt war, sich die Mädels nur so aussuchen konnte. Und da Milo. Der Flüchtling. Denn das war er. In seiner abgewetzten Kleidung, mit braunen Flecken an den Knien. Doch da gab es noch die andere Seite. Milo, der Russen-Ali, wie ihn die anderen Kinder nannten, hatte einen rechten Haken, wie kein anderer. Wenn er zuschlug, dann richtig. Und er konnte einstecken. Und das verschaffte ihm Respekt.
„Da bist du ja“, sagt Wagner und blickt demonstrativ auf seine Uhr. Obwohl Milo gut mit Zahlen umgehen kann, scheint er Probleme mit der Uhr zu haben. Wagner kann sich nicht erinnern, dass sein alter Weggefährte jemals pünktlich gekommen ist.
„Ich hatte noch zu tun“, sagt Milo, lächelt aber ein unwiderstehliches Lächeln. Er setzt sich auf einen Hocker und braucht nicht lange auf sein Bier zu warten. Der Wirt, genannt Jäger-Ecki, nickt Milo freundlich zu. Er kennt den Ukrainer, er kennt auch Wagner. Schließlich geht der Polizist seit vielen Jahren hier ein und aus. Nicht nur als Gast. Wagner kann sich noch daran erinnern, wie er hier die ein oder andere Kneipenschlägerei schlichten musste. Damals als Streifenpolizist. Davor waren er und Milo öfter Mal hier. Auch gemeinsam. Wagner schaut auf sein Craftbier. Damals trank man hier Kölsch aus dem Reagenzglas, dazu einen Jägermeister. Milo eher Wodka. Es schüttelt den Beamten, wenn er nur daran denkt, wie viel sie damals vertragen haben.
„Was guckst du denn so bedröppelt?“, fragt der Wirt. Wagner kennt ihn gut, hat auch den ein oder anderen Jägermeister mit dem Mann getrunken. „Ist wieder was Schlimmes passiert?“ Wagner nickt Richtung Theke. Eine Zeitung liegt auf dem Holz. In großen weißen Lettern steht dort: „Frau ermordet!“ und etwas kleiner darunter. „Frauenmörder versetzt Bonn in Angst und Schrecken“. So ist sie die Presse, denkt Wagner, der sich genau vorstellen kann, wer diesen Artikel verfasst hat.
„Ah krass, also auch solche Gräueltaten gibt’s bei uns. Es wird immer schlimmer. Bestimmt wieder so ein Araber oder ein verrückter Typ, der eifersüchtig war“, Jäger-Ecki greift nach dem kleinen Glas, das auf dem Tresen steht. Eine klare Flüssigkeit, doch bestimmt kein Wasser.
„Du solltest nicht so schnell urteilen“, entgegnet Wagner verärgert, der auch den Zorn in Milos Augen sehen kann.
„Und wenn ihr den erwischt, kommt der wegen irgendwelcher Störungen oder guter Führung viel zu früh wieder raus“, sagt der Wirt wütend. „Solchen Kerlen müsste man direkt die Eier abschneiden. Aber auf mich hört ja keiner“, sagt Ecki und verkrümelt sich hinter die Theke.
„Na Kartoffel“, sagt Milo. „Wie geht es dir?“
„Bescheiden, du Kanisterkopp“, antwortet Wagner. Eigentlich hält er nichts von diesen Sprüchen. Aber so haben sie sich schon in der Kindheit genannt. Auch das Tänzeln und Imitieren eines Boxkampfs, das Milo gerade in Perfektion aufführt, ist ein Relikt ihrer Schulzeit.
„Der Fall?“, will Milo wissen. Wagner nickt.
„Wir haben nichts.“ Dieses Mal nickt Milo.
„Ich weiß.“ Er bestellt ein weiteres Bier. Dann nimmt er Wagner die Flasche aus der Hand. „Stell den Dreck mal weg. Wir trinken anständig.“ Mit einer schnellen Handbewegung gibt er dem Wirt zu verstehen, ein weiteres Kölsch zu zapfen. „Und zwei Wodka.“
„Ich wusste gar nicht, dass du so gerne trinkst“, sagt Wagner überrascht. Denn so kennt er Milo wirklich nicht. Sein Gegenüber wirkt verwundert.
„Nein?“ Auf dem Gesicht des Ukrainers breitet sich ein Grinsen aus. „Weißt du nicht mehr, wegen mir hast du dir damals deine heutige Frau schön gesoffen. Ihr wärt heute nicht verheiratet ohne meinen Alkoholkonsum.“ Die Bemerkung schmerzt, doch Milo kann es nicht wissen. So eng sind sie nicht und Dominik Wagner versucht, Privates und Beruf zu trennen.
„Wir sind nicht mehr verheiratet“, sagt er bitter. Milos Augen weiten sich, aber irgendwie seltsam. Er wirkt zumindest nicht schockiert. „Nicht mehr.“ Wagner zögert. „Wir haben uns vor einem guten Jahr getrennt und ziemlich schnell die Scheidung durchgebracht.“ Er hält seinen nackten Ringfinger in die Höhe. Ein Beweis für die Trennung, den Milo wahrscheinlich gar nicht interessiert. So weit Dominik Wagner sich erinnern kann, hat Milo sich nie sonderlich für die privaten Verhältnisse anderer Menschen interessiert. Er ist nicht neugierig, kein Fragensteller. Er ist angenehm zurückhaltend. Auch jetzt bohrt er nicht nach. Wagner gibt Ecki das Zeichen für eine nächste Runde. Es wird nicht die letzte für diesen Abend bleiben.

(Alhassane Baldé)

6

Linda Vollmer lässt sich in die großen weichen Kissen ihrer Designercouch fallen. Sie wartet auf das Gefühl der Genugtuung, das sich sonst einstellt, wenn Sie die Wohnung aufgeräumt, geputzt und von jeglichem Staub befreit hat. Doch nichts. Als sie von dem Revier nach Hause gekommen war, hatte sie direkt begonnen, das Bad zu putzen. Anschließend war sie das Gewürzregal in der Küche durchgegangen und hatte Kurkuma, Ras el hanout und den Kakao-Pfeffer in passende Tongefäße umgefüllt. Selten kamen die exotischen Zutaten zum Einsatz, meist aß sie auf dem Weg zur Arbeit und nach Hause. Lieber nutzte sie die Zeit, um noch einmal Unterlagen zu sichten. Auch jetzt nachdem sie schließlich mit dem Staubwedel das braun-schwarze Holzregal abgestaubt hatte, das sie als Kontrast zu ihrer eukalyptusfarbenen Wand mit wenigen Büchern und Topfpflanzen in Szene gesetzt hatte, blickt sie auf den grauen Umschlag mit den Tatortfotos und dem Bericht des Gerichtsmediziners. Sie sinkt noch tiefer in die Kissen. Kein Hochgefühl vom Putzen, nur das flaue Gefühl in der Magengegend. Sie weiß, dass es nicht vom hastig gegessenen belegten Brötchen vom Bahnhof kommt. Wenn sie die Mappe öffnen würde, dann wäre sie wieder im Haus in der Bonner Südstadt und sähe in die starrenden Augen des Opfers. Auch ohne die Mappe aufzuschlagen, sind die Bilder da. Sie kann sie nicht abschütteln. Die aschfahle Haut vom Blutverlust, die durch das aufblinkende Blaulicht der Polizeiwagen gespenstig im Licht-Takt die Farbe wechselte. Es ist ja nicht ihr erster Tatort, aber dieses mal hat es sie besonders erwischt. Sie ist stolz, dass sie sich wie immer nichts hatte anmerken lassen. Ihre Professionalität war ihr Schutz, die Sachlichkeit ihrer Arbeit stieß sie weg von der Gewissheit, dass es sich um eine Mutter handelte, die dort lag, leblos mit dem toten Blick zur Decke gerichtet. Jetzt holt sie der Blick wieder ein.
Sie unterdrückt den Impuls, erneut aufräumen zu wollen, stattdessen fällt ihr Blick auf die Flasche Dessertwein, die die Nachbarn ihr vor die Tür gestellt hatten. „Danke für das Blumengießen. Lassen Sie sich den Commandaria von Zypern schmecken“ steht auf einer kleinen Karte, die mit Geschenkband am Flaschenhals befestigt ist. Zu dem flauen Magen fühlt sie jetzt noch einen heftigen Druck im Kopf, als ob ihr Geist und ihr Körper einen Boxkampf auskämpften, direkt hinter ihrer Stirn. Sie weiß, dass sie kurz vor dem K.O. steht und reibt sich die Schläfe. Seit Monaten ist sie trocken, doch jetzt verliert sie die Kontrolle, die sie sich so hart erarbeitet hat.
Am schwersten war es die Gewohnheit abzulegen. Ein liebgewonnenes Ritual zur Entspannung am Abend nach einem harten Arbeitstag, dann irgendwann der Schluck für die Konzentration oder zur Lockerung zum ungezwungenen Small-Talk auf der Party; harmlose Hilfsmittel, um durch den Alltag zu kommen. Vor allem aber um zu vergessen. Sobald sie alleine abends mit ihren Gedanken war, kamen die Schatten, die sie einhüllten und immer tiefer in ein Loch zogen, aus dem sie immer schwerer rausklettern konnte. Die Arbeit war ihre einzige Sucht, die ihr den Kick, Ablenkung und Selbstbewusstsein gab ohne anschließendes schlechtes Gewissen und Selbstbetrug. Denn selbst als schon morgens der Schuss im Kaffee die nötige Starthilfe gab, redete sie sich ein, alles im Griff zu haben, jederzeit aufhören zu können. Beim Kauf von Kaugummis auf dem Weg zur Arbeit fühlte sie sich dennoch wie eine Betrügerin. Verschleierungstaktik wie bei einem unsicheren Zeugen, der mehr gesehen hatte, als er im Verhör zugeben wollte. Als sich die ersten Fehler auf der Arbeit einschlichen, fasste sie den Entschluss sich selber ins Kreuzverhör zu nehmen, dieses Ausweichen nicht länger zu akzeptieren. Die Abende ohne ihr Trink-Ritual waren am härtesten, die Abgründe schienen tiefer und die Wände des hohen Altbaus kamen näher. Sie litt. Der Druck in der Öffentlichkeit war nur halb so schlimm wie der ihrer eigenen vier Wände. Auf Partys erzählte sie von Detox-Diät und ging meist früher. Doch nach Hause konnte sie nicht. Stundenlange ziellose Spaziergänge durch die Bonner Innenstadt, den Hofgarten oder an der Rheinpromenade führten zu Schlaflosigkeit, aber zumindest blieb sie trocken. Und wenn das Wetter schlecht war, putzte sie die Wohnung, reinigte jede Ecke, damit kein Makel sie an ihre Unzulänglichkeit erinnerte.
Der Erfolg ihrer Arbeit blieb trotzdem erst einmal aus, weiterhin passierten Flüchtigkeitsfehler, die sie so gut es ging verschleierte, wie zuvor ihre Fahne. Ihre Ungeduld und Fahrigkeit machte sie schnell berüchtigt. Als es besser wurde, hatte sie bereits einen Ruf. Sie spürte die Blicke und Gespräche hinter ihrem Rücken. Es war ihr egal, sie hatte sich selbst ein Geständnis abgerungen: Ich habe ein Alkoholproblem und werde mich nicht mehr davon klein halten lassen. Monatelang ging es bergauf. Jetzt kam die Bewährung. Ein neues Revier, ein neuer Fall und dann auch noch diese Brutalität. Wie konnte sie diesmal die Bilder abschütteln?  Wo war ihr glasklarer Fokus auf die wichtigen Details? Wieso fand sie keinen Halt in den Fakten? Stattdessen der Geruch von Eisen in ihrer Nase, Blut, gemischt mit Rotwein, den das Opfer getrunken hatte. Eine tödliche Mischung, vor allem für Linda. Als die Wände wieder näherkommen, nimmt sie schließlich mit einem festen Griff die Flasche und geht zum Fenster.
Auf der Fensterbank stehen auf einem goldenen Tablett einige Kristall-Gläser für Gäste und weil die oft ausbleiben, dienen die Gläser aus dem Antiquitätengeschäft um die Ecke eher als Deko-Installation. Wenn die Straßenlaternen aus der engen Altstadt-Straße durch das hohe Fenster in der zweiten Etage scheinen, spiegelt sich das Gold des Tabletts im Glas. Das alles ist ihr jetzt egal. Sie nimmt sich eines der Gläser und schüttet es voll. Unten auf der Straße ziehen Gruppen von feierwütigen Studenten von Kneipe zu Kneipe. Das Gelächter der Stadt-Streuner und der wohlig warme Geschmack des Weins hüllen sie in einen warmen Schleier. Sofort verschwinden die Bilder im Kopf und weichen der ersehnten Gleichgültigkeit. Sie spürt wie sich ihre Muskeln entspannen und der Druck im Kopf nachlässt. Kurz kommt ihr der Gedanke, sich unter die Studenten auf der Straße zu mischen. Alleine würde sie nicht lange bleiben und dann könnte sie sich über eine erfundene Germanistik-Hausarbeit aufregen und ziellos flirten. Doch es wäre nur ein Schauspiel und sie würde sich selber die Rolle nicht abnehmen. Ein weiterer Schluck aus dem Retro-Glas spült erneut Wärme durch den Körper aber auch das Gefühl nicht dazuzugehören. Ein Gefühl, das sie gut kennt. Wann hat es angefangen? Es hat sie stets begleitet, wie ein lästiger Bekannter, der regelmäßig anruft und den man nicht abgewimmelt bekommt. Trotzdem hat sie sich nie angebiedert oder versucht sich beliebt zu machen. Sie wollte Erfolge feiern und sich selber im Spiegel ansehen können, es allen beweisen. Und in ihrem Job ist sie jetzt gut, sehr gut – tote Augen starren sie an – noch ein Schluck und ein weiteres Glas, dann noch eins. Sie hat aufgehört zu zählen, sieht nur das Etikett der Flasche in die Leere ragen.
Die Wärme weicht einem Schwindel. Der Boden bewegt sich. Sie taumelt zurück zur Couch und stößt mit ihrem Unterschenkel gegen den kleinen Nierentisch. Die Mappe rutscht von der Platte und Fotos und Kopien verteilen sich auf dem Parkett. Linda flucht, stellt das Glas ab und beginnt die Dokumente hastig zusammen zu sammeln. Dabei knickt sie einige Seiten, flucht noch mehr und sinkt letztendlich zwischen dem Papierwust auf dem Boden zusammen. Sie hat es vermasselt, wieder einmal. „Eine super Kommissarin bist du“, beschimpft sie sich selbst. Wenn die Kollegen sie jetzt sehen könnten. Die ordentliche, gewissenhafte Linda Vollmer zerfleddert im Suff ihre Unterlagen. Tränen laufen ihr über die Wange und tropfen auf Parkett und Fotos. Auch das noch. Das Schlimmste ist wieder einmal sich selber nicht zu genügen. Sie weiß, dass sie einen Fehler gemacht hat, der Wein ist schuld, dass sie sich so gehen lässt. Dennoch schüttet sie sich ein weiteres Glas Commandaria. Jetzt ist es auch egal. Zwischen jedem Schluck schluchzt sie.  Jetzt sind es nicht mehr die Bilder des Opfers, die sie verfolgen, obwohl sie überall um sie herum verteilt liegen. Das Loch scheint sie wieder zu verschlingen. In Ihrem Kopf läuft ein Film. Die Szenen sind Erinnerungen, klar wie die Fotografien und gleichzeitig verschwommen wie in einem Traum. Das Drehbuch ihrer Gedanken kennt sie auswendig, es hat sie hierhergebracht. An diesem Punkt könnte sich entscheiden, ob ihre Dämonen sie zur Heldin oder eher tragischen Gestalt ihrer Geschichte machen. Das drückende Gefühl in ihrer Brust und der Gefühlsnebel des Weins lassen sie gerade nicht auf Ersteres schließen. Voller Erschöpfung schläft sie mit dem Kopf auf dem Nierentisch im Sitzen ein.

(Christine Siefer)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>